Wiesbaden (Q.met) - Im Pazifik wächst ein El Niño heran, wie ihn die Messreihen seit 1950 noch nicht gesehen haben. Prompt kursieren die ersten Schlagzeilen vom Jahrhundertwinter. Der Blick auf die Datenlage zeigt jedoch: Ausgerechnet für Mitteleuropa ist das Signal am dünnsten – und die Fachwelt ist sich uneins, ob unser Winter dadurch milder oder kälter ausfällt.
Ein El Niño jenseits der bisherigen Rekordmarken
Die US-Klimabehörde NOAA nennt in ihrer ENSO-Analyse vom 13. August eine Wahrscheinlichkeit von über 90 Prozent, dass sich bis in den Winter hinein ein sehr starkes Ereignis ausbildet. Für den Zeitraum Oktober bis Dezember beziffert sie die Chance auf ein historisches Ereignis jenseits von 2,5 Grad Abweichung auf 69 Prozent. Der Deutsche Wetterdienst verweist auf Abweichungen von mehr als 3 Grad vor der Küste Perus im Juli und darauf, dass der relative Ozeanische Niño-Index die Spitzenwerte von 2,4 Grad aus 1997/98 und 2015/16 übertreffen könnte.
Für Europa bleibt das Signal schwach
Über dem Pazifik ist die Wirkung eindeutig, über Europa nicht. Der DWD schreibt unmissverständlich: „Damit lässt sich aus einem starken El Niño allein kein kalter Winter in Europa ableiten!" Die Fachwelt zieht dabei in verschiedene Richtungen. Daniela Matei vom Max-Planck-Institut für Meteorologie hält es für möglich, dass El Niño ab Januar die Wahrscheinlichkeit starker Kaltlufteinbrüche in Nord- und Mitteleuropa „deutlich erhöhen" kann. Andreas Fink vom KIT sieht für Europa dagegen „keine belastbaren Aussagen". Der DWD selbst argumentiert, die verschärften Temperaturgegensätze über dem Atlantik könnten den Polarwirbel eher stärken als schwächen.
Was die letzten Super-El-Niños brachten
Der Rückblick dämpft die Erwartung an einen Eiswinter. Nach dem Rekordereignis 1997/98 verlief der Winter in weiten Teilen Europas sehr mild, und der Winter 2015/16 wurde in Deutschland mit 3,6 Grad im Mittel laut DWD einer der vier wärmsten seit 1881, satte 3,4 Grad über dem Referenzmittel 1961 bis 1990. Zwei Fälle sind keine Statistik, aber sie zeigen, wie wenig zwingend die Kette vom Pazifik nach Mitteleuropa ist. Belastbarer wird es frühestens im November, wenn sich der Zustand des Polarwirbels abzeichnet. Bis dahin gilt das Alltagsgeschäft: nach dem spätsommerlichen Wochenstart ab Wochenmitte deutlich kühlere 17 bis 22 Grad.