Wiesbaden (Q.met) - An der US-Ostküste stehen Straßen und Keller unter Wasser - und das, obwohl über dem Atlantik in diesem Jahr noch kein einziger Hurrikan entstanden ist. Ein kräftiger Nor'easter drückt seit Tagen Meerwasser gegen die Küste zwischen North Carolina und Neuengland. Zum Wochenende verschärft der Vollmond die Lage zusätzlich.
Norfolk läuft bei jeder Flut voll
Schon am Mittwochmorgen stand die Innenstadt von Norfolk in Virginia 30 bis 60 Zentimeter tief im Wasser, auch aus Smithfield und Suffolk meldete der US-Wetterdienst NWS Überflutungen. Küstenhochwasser-Warnungen gelten inzwischen von der Küste North Carolinas bis nach New Jersey und Connecticut. Am kritischsten ist der Südosten Virginias: Dort staut sich das Wasser am Ende der Chesapeake Bay und drückt in die Tidenflüsse zurück, Virginia Beach, Norfolk und Newport News bleiben stundenlang überflutet. Auf den Outer Banks riss die Brandung eine Schutzdüne auf, der Highway 12 bei Rodanthe ist gesperrt.
Höhepunkt am Wochenende
Ein Nor'easter ist ein Tief, das entlang der Ostküste nordwärts zieht und mit hartnäckigem Nordostwind Meerwasser über viele Tiden hinweg gegen Land presst - das macht ihn gefährlicher als ein kurzer Sturm. Den Höhepunkt erwarten wir von Freitagabend bis Samstag mit Böen um 80 bis 95 km/h, in Neuengland örtlich darüber, 50 bis 75 Litern Regen pro Quadratmeter und meterhohen Wellen. Dazu kommt der Vollmond am Samstag um 18:49 Uhr, der die Tiden auf ihren Monatshöchststand treibt. Laut NOAA treten Nor'easter zwischen September und April auf. Bostons Bürgermeisterin Michelle Wu sagte dazu, solche Stürme seien für Neuengland nichts Neues, aber normalerweise nicht im September.
Atlantik ohne Hurrikan
Der Kontrast ist bemerkenswert: Über dem Atlantik hat sich in dieser Saison noch kein einziger Hurrikan gebildet, alle benannten Stürme blieben unter der Schwelle von 119 km/h. So spät im Jahr gab es das zuletzt 1914, und seit Beginn der Aufzeichnungen 1851 endeten überhaupt nur zwei Saisons ganz ohne Hurrikan. Hauptursache ist ein sehr kräftiger El Niño mit extremer Windscherung über dem tropischen Atlantik. Die Fluten kommen also nicht aus den Tropen, sondern von einem klassischen Küstentief. Bei uns bleibt es bis Mittwoch ruhig und spätsommerlich mit 25 bis 31 Grad im Süden und Westen und 18 bis 23 Grad im Norden, ab Donnerstag ziehen von Westen Wolken, Regen und Gewitter auf.